Die Gesten der Weisheit
Jede Buddha-Statue spricht durch ihre Hände zu uns und lässt uns so an der vollkommenen Weisheit und dem unendlichen Mitgefühl teilhaben. „Ich lehre Dich“, sagt die linke, erhobene Hand Buddhas, wenn Daumen und Zeigefinger einen Kreis bilden. Streckt er die rechte Hand mit der Handfläche in unsere Richtung, lauten die stillen Worte dieser Geste: „Hab keine Angst“. Tief dringen sie beim Betrachten der Buddha-Hände in unseren Geist ein; so wie der Anblick eines meditierenden Buddhas mit seinen ineinandergelegten Händen, die locker im Schoß ruhen, unsere Meditation verstärkt. Formen wir diese Mudras – „die Asanas der Hände“ – für einige Minuten, richtet sich die Aufmerksamkeit nach innen. Wenn wir die Daumenkuppen auf die Zeigefinger setzen, werden wir ruhig und empfänglich. Daumen auf den Mittelfingern stärkt die Geduld, Daumen auf den Ringfingern schenkt Selbstvertrauen und Daumen auf den kleinen Fingern fördert die Intuition.
Aber was sind Mudras überhaupt?
Mudras sind Gesten, die Energie lenken können. Am bekanntesten sind Mudras, die mit Händen und Fingern geformt werden.
Übersetzt bedeutet Mudra „Das, was Freude gibt“ – „Mud“ heißt Freude, „ra“ geben. Trotz dieses vielversprechenden Namens werden Mudras im Westen eher selten praktiziert und sind (noch) nicht wirklich im Yoga-Mainstream angekommen. In Indien dagegen sind Mudras weiter verbreitet als die bei uns so beliebten Asanas (Yogahaltungen).
In unserem Kulturkreis kennen wir heute vor allem Hand-Mudras (hasta-mudra) – aber z.B. auch gewisse Haltungen der Augen, der Zunge oder dem ganzen Körper werden als Mudras bezeichnet. Sie sind Gesten oder Haltungen, in denen eine energetische und spirituelle Kraft verborgen liegt. Oftmals sind sie mit einer symbolischen Bedeutung aufgeladen.
In diesem Betrag wollen wir uns jedoch verstärkt auf die Hände konzentrieren.
Du kannst Mudras aktiv als kleine Achtsamkeitsanker nutzen – in einem Moment, in dem du deine Hände bewusst zu einer bestimmten Mudra formst, bist du im Hier und Jetzt. Mit der Bedeutung hinter einer gewissen Handhaltung kannst du außerdem deinen Fokus auf ein ganz spezielles Thema lenken.
Betrachten wir beispielsweise Gyan oder auch Chin-Mudra, das du sicher schon mal gesehen oder auch in einer Yogastunde eingenommen hast. Hierbei werden die Kuppen von Daumen und Zeigefinger zusammengeführt während die drei übrigen Finger gestreckt bleiben. Diese Geste symbolisiert die Vereinigung des kosmischen/göttlichen (Daumen) mit dem individuellen (Zeigefinger) Bewusstsein – was letztendlich das Ziel aller Yogapraktiken ist. Die gestreckten Finger stehen für die drei Gunas, die Haupteigenschaften der Ur-Natur: Rajas (Aktivität, Bewegung, Unruhe), Tamas (Lethargie, Trägheit) und Sattva (Reinheit, Harmonie, Licht). Wenn du das Gyan-Mudra einnimmst, kannst du deinen Fokus auf die Verschmelzung deiner Essenz mit dem Göttlichen lenken.
Wirkung von Mudras
Wenn du Mudras einnimmst, dann ist das also nicht nur ein körperlicher Akt. Sie wirken sich auf dein ganzes Wesen aus – auf deinen Körper, auf dein Denken und dein Fühlen! Mit jeder Mudra sendest du eine ganz bestimmt Nachricht an dich selbst aus.
Ihre Wirkkraft entfaltet sich dabei auf der körperlichen, der geistig-emotionalen sowie energetischen Ebene. Mudras sind so kraftvoll, dass sie teilweise sogar gezielt zur Unterstützung bei der Heilung von körperlichen, mentalen und emotionalen Ungleichgewichten eingesetzt werden.
Im Ayurveda, der indischen Lehre vom gesunden Leben, werden die einzelnen Finger den Elementen und damit assoziierten Grundprinzipien zugeordnet:
• Daumen: Feuer
• Zeigefinger: Luft
• Mittelfinger: Raum / Äther
• Ringfinger: Erde
• Kleiner Finger: Wasser
Führst du bspw. Mittelfinger und Daumen zusammen und übst leichten Druck auf die Fingerkuppe des Mittelfingers aus, wirkst du somit auf das Äther-Element ein und schaffst Raum und Weite im Körper. Führst du hingegen Ringfinger und Daumen zusammen und übst leichten Druck auf die Fingerkuppe des Ringfingers aus, erdest du dich und findest innere Stabilität. Darüber hinaus kann die Hand auch in bestimmte Zonen eingeteilt werden, die mit bestimmten Organen und Körperteilen verbunden sind.
Hand-Mudras wirken sehr subtil. Je mehr du deine Achtsamkeit schulst, umso feinfühliger wirst du ihre Wirkungen erspüren können. Das Bedarf jedoch viel Übung und Geduld.
Mudras in der Praxis
Mudras kannst du später, wenn du etwas Übung hast, fast überall und immer praktizieren. Egal ob du daheim oder unterwegs bist, in einer Warteschlange an der Supermarktkasse oder kurz vor einer Präsentation. Natürlich solltest du vorher an einem ruhigen Ort deine Mudras geübt und trainiert haben, um dann diese Erfahrungen einfach abrufen zu
Wenn du eine bequeme Körperhaltung, mit gutem Bodenkontakt eingenommen hast, dein Körper entspannt und wach ist, nimmst du die Position der Mudra ein und beginnst mit der richtigen Atmung:
• bewusste Einatmung
• 2 Sekunden den Atem anhalten
• bewusste Ausatmung
• kurze Pause (spüre hierbei den Impuls Luft holen und leben zu wollen)
• dann erneut bewusst einatmen
Spüre in dich hinein. Wie fühlt es sich an?
Der Druck auf die Finger sollte keinesfalls zu stark und weder Spannung noch Schmerzen hervorrufen. Stell dir einfach vor, dass deine Finger Magneten sind, die aufeinander haften.
Mudras können zwischen 1 bis 15 Minuten gehalten werden. Wichtig ist, dass du dich dabei wohl fühlst und es nicht verkrampft ist.
Sei dir aber dessen bewusst, dass sich ihre Kraft nur dann entfalten kann, wenn du deine Achtsamkeit in ihnen bündelst. Dabei kommt es nicht darauf an, wie lange du eine Mudra einnimmst, sondern darauf, wie still du im Geist bist und den Fokus halten kannst.
Es liegt in deinen Händen, dir das Potenzial der Mudras zunutze zu machen!
Nun zu den häufigsten Mudras im Yoga :